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New York 1955: Harry Angel (Mickey Rourke) ist ein heruntergekommener Privatdetektiv, der sich eigentlich nur mit Scheidungsfällen oder Versicherungsschwindel beschäftigt und sich nach eigener Aussage so weit wie möglich von Mordfällen und Leichen fernhält. Doch ausgerechnet er wird von dem mysteriösen Mr. Cyphre (Robert de Niro) beauftragt, einen Schnulzensänger namens Johnny Favorite aufzuspüren. Favorite hat noch Schulden bei Cyphre, doch seine Spur verliert sich, als er schwer verwundet aus dem Zweiten Weltkrieg heimkehrt und plötzlich aus dem Lazarett verschwindet. Kaum macht sich Angel auf die Suche, sieht er sich bereits seiner ersten Leiche gegenüber. Seine Nachforschungen führen ihn nach New Orleans, wo er es nicht nur mit weiteren Todesfällen, sondern auch mit okkulten Voodoo-Ritualen zu tun bekommt.
Angel Heart darf man ohne Bedenken zu den am meisten unterschätzten Filmen überhaupt zählen. Dies spiegelt sich auf eine seltsame Art und Weise auch in weiten Teilen der Crew wider. Klammert man Robert de Niro einmal aus, so muss man feststellen, dass die Hauptdarsteller ihre Leistungen später niemals wieder bestätigen konnten – sondern, ganz im Gegenteil, sich ihre Karrieren eher nach unten entwickelten.
Da wäre zunächst einmal Lisa Bonet, die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre durch ihre Rolle in der Bill Cosby Show bekannt wurde und hier eine wirklich makellose Vorstellung abliefert. Sie passt perfekt in ihre Rolle und spielt sie mit sichtlicher Leidenschaft – und Körpereinsatz. Letzterer soll Gerüchten zu Folge das Ende ihrer Cosby-Karriere beschleunigt haben. Und neben ihrer Scheidung von Rock-Schnuckel Lenny Kravitz gab es nach Angel Heart lediglich zwei relevante Eckdaten, nämlich das Mitwirken in den beiden Streifen Der Staatsfeind Nr. 1 und High Fidelity.
Doch auch Film-Partner Mickey Rourke erging es nach Angel Heart nicht viel besser. Nach seiner Rolle in 9 ½ Wochen ein Jahr zuvor hätte der Film sein Sprungbrett für eine steile Karriere sein können. Schließlich ist seine schauspielerische Leistung hier schlicht grandios und qualitative Unterschiede zu dem wie immer perfekten de Niro sind, wenn überhaupt, nur in Nuancen erkennbar. Und trotzdem zeigte Rourkes Werdegang danach konstant nach unten. Zu filmischen Klo-Griffen wie Wilde Orichidee oder 9 ½ Wochen in Paris gesellten sich private Unannehmlichkeiten wie Alkoholexzesse mit anschließenden Kneipenschlägereien. In den letzten Jahren hat Rourke wieder Fuß gefasst und konnte nach Once upon a time in Mexico vor allem in Sin City überzeugen.
Als Genre-Fan mag man sogar Regisseur Alan Parker in die Reihe derer platzieren, die nach Angel Heart in ihrem Schaffen eher abgesunken sind. Einen gewissen Erfolg kann man Parker jedoch keinesfalls absprechen, zumal er gleich im Anschluss den wirklich guten Mississippi Burning gedreht hat. Allerdings widmete er sich danach in erster Linie Musikfilmen (The Commitments, Evita) und Dramen (Come See Paradise, Die Asche meiner Mutter), die ihm durchaus gelungen sein mögen, jedoch wünschte man sich einen erneuten Ausflug in spannendere Gefilde. Immerhin kam dieser im Jahre 2003 mit Das Leben des David Gale – der zwar kein schlechter Film wurde, aber in Anbetracht einer Tatsache doch enttäuschte: Während Angel Heart bis zum Ende spannend und mystisch bleibt, weiß der (halbwegs erfahrene) Zuschauer beim Leben von David Gale schon nach weit weniger als der halben Spielzeit, worauf das ganze hinauslaufen wird. Einen echten Genrebeitrag von Parker sehnt man demnach immer noch herbei, erst recht, betrachtet man viele der so genannten Mystery-Thriller jüngeren Datums.
Denn Angel Heart lässt im Gegensatz zu diesen oft halbgaren Produktionen keine Wünsche offen und bietet wirklich alles, was man sich von einem solchen Film erwartet.
Man darf
keinesfalls zuviel verraten, denn die Story entwickelt sich konstant
weiter und stößt gen Ende in nahezu ungeahnte Gefilde vor. Beinahe jedes
unscheinbar wirkende Detail, welches man womöglich bereits in den ersten
Minuten verdrängt oder übersehen hat, springt einem am Ende doch wieder
ins Gesicht. Keinen – und
wirklich keinen – Charakter sieht man schlussendlich mit denselben Augen
wie bei der ersten Begegnung. Nachdem das ganze als fast harmlose
Detektiv-Geschichte beginnt, begleitet man Harry Angel auf seinem Weg in
eine Welt, auf die er nicht vorbereitet ist. Eine Welt, die von Mord und
Voodoo geprägt ist und in die Angel nach und nach immer tiefer hinein
gesogen wird…
Jene Entwicklung wird innerhalb des Films nicht zuletzt durch die Schauplätze visualisiert. Auch hier findet eine unterschwellige Bewegung statt, die im verschneiten New York ihren Anfang nimmt, um im schwül-heißen Louisiana ihrem Höhepunkt entgegenzugehen. Besonders auf die Ausstattung wurde merklich viel Wert gelegt und in Kombination mit der oft genialen Kameraarbeit von Michael Seresin (Harry Potter und der Gefangene von Askaban) entsteht eine beeindruckende Vision der 50er Jahre. Vor allem aber die ständig steigende Temperatur, welche besonders zum Ende hin förmlich spürbar wird, schafft eine geradezu bedrückende Atmosphäre.
Nicht nur aufgrund dieser okkulten Thematik steckt Angel Heart voller Symbolik, die aber niemals aufgesetzt wirkt, wie es bei so vielen Filmen dieser Art der Fall ist. Vielmehr ordnet sie sich hier völlig der Geschichte unter und hat – wenn sich alle Kreise schließen und schlussendlich ein Bild ergeben – ihre absolute Daseinsberechtigung.
Ähnlich steht es mit den zahllosen Andeutungen und Anspielungen. Deren Bedeutung offenbart sich zumeist nicht beim ersten Betrachten des Films, was aber zu keiner Zeit störend wirkt. Das zweite Ansehen allerdings wird durch sie auf eine zynische Art und Weise um eine ganze Spur amüsanter.
Doch auch, wenn Angel Heart einer der Filme ist, die sich beim zweiten Durchlauf eher verbessern als verschlechtern, bleiben auch schon beim ersten Mal kaum Wünsche offen. Grandiose Schauspieler in einer ungewöhnlichen Geschichte, die bis zum Schluss (und darüber hinaus) spannend bleibt und nebenbei noch in faszinierenden Kulissen spielt...
…und wenn sich dann am Ende alle Wege kreuzen, offenbart sich die Bedeutung aller Symbole und Anspielungen und die Reise erhält endlich ein Ziel.
