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„Das Filmerlebnis einer ganzen Generation“ – so der deutsche Untertitel dieses Films, in dem die Einzelschicksale der Familie Herlihy im Mittelpunkt der Handlung stehen. Vater Bill ist der konservative Vorzeigeami, seine Frau Mary das typische Heimchen. Ihre drei Kinder – wie sollte es anders sein – rebellieren alle auf ihre eigene Art gegen das behütete Vorstadtleben in Illinois. Katie lässt sich von einem Bandsänger auf der Durchreise schwängern, Brian schließt sich freiwillig den kämpfenden Truppen in Vietnam an und Michael entwickelt sich mehr und mehr zum Bürgerrechtler und politischen Aktivisten.
Er ist es auch, der zunächst weite Teile der Geschichte sowohl bestimmt, als auch zusammenhält. Der Film fokussiert seinen Blick insbesondere auf die politischen Querelen um Rassentrennung und Südostasien-Konflikt. In diesem Zusammenhang lernt Michael auch Sarah kennen (Jordana Brewster, die es mittlerweile als Opfer von Kettensägenmördern zu einiger Bekanntheit gebracht hat), mit der ihn fortan eine intensive, aber auch leidvolle Beziehung verbindet. Überhaupt zeigen sich immer wieder die dunklen Seiten der vermeintlichen Freiheit. Nicht nur zwischen den Zeilen lässt sich ablesen, dass – so wertvoll die Revolution auch war – es den Aktivisten nicht immer nur um Gutmenschentum ging, sondern dass sehr häufig persönliche Belange ihr Handeln bestimmten, in den meisten Fällen angetrieben von der drogenumnebelten Libido.
Doch Michael ist Idealist. Und so übergeht er mit geradezu biblischer Beharrlichkeit (Rück)Schläge, was ihn sämtliche Gefahren überstehen und in die geschichtsträchtigsten Situationen geraten lässt. So ist es Michael, der beim Washingtoner Friedensmarsch eine Blume in den Gewehrlauf eines Militärpolizisten steckt und der gemeinsam mit unzähligen Schwarzen in Mississippi auf dem Boden kniend „We Shall Overcome“ singt.
Diese und weitere monumentale Augenblicke werden immer wieder mit Originalaufnahmen vermischt, was dem Film eine ganz besondere Authentizität verleiht. Dabei gelingt der Wechsel zwischen dem schlichten Darstellen historischer Begebenheiten und den Konflikten, welche hinter ihnen steckten, ausgesprochen gut. So zeigt sich immer und immer wieder das Leitmotiv des Films, nämlich die Frage, ob die Revolution(en) über einen friedlichen Protest hinaus gehen dürfen und welche und wie viele Opfer für die Sache zu akzeptieren sind.
Dass diese Fragen mehrfach aufgeworfen werden, bedeutet allerdings leider nicht, dass sie auch zufrieden stellend behandelt werden. Auch wenn der Film sich bemüht, möglichst alle Situationen von mehreren Seiten zu beleuchten, bleibt vieles sehr oberflächlich. Angefangen bei den doch sehr schablonenartigen Figuren und abgeschlossen mit den klischeehaften Wiedervereinigungen am Ende. Hier hätte dem Film etwas mehr Dramatik und eine Prise Realität gut getan. Gerade die letzte Einstellung stinkt derart nach einer Folge der Wonder Years, dass man kaum glauben mag, kurz zuvor noch Rassenunruhen und Vietnamkrieg beigewohnt zu haben.
Natürlich ist es eine gewagte Zielsetzung, ein komplettes Jahrzehnt in einem Film abzuhandeln, und The ’60s sollte mit seinen 166 Minuten nicht sehr viel länger sein. Daher muss man etwas Oberflächlichkeit wohl akzeptieren. Schade dennoch, dass der Film dadurch ein wenig auf die rot-weiss-blaue Spur gerät und im Scheinwerferlicht nur Platz ist für die Vorzeigepatrioten, während die unbequemen Nebengeräusche nur am Rande Beachtung finden.
Immerhin beweist The ’60s zeitweise einen erfrischenden Sinn für Humor, wenn Michael und Sarah beispielsweise bis zum Morgengrauen den Club suchen, in dem Bob Dylan heute spielt und im Moment der Verabschiedung ein Türsteher im Hintergrund einen Passanten mit Gitarrenkoffer mit den Worten „N’Abend Bob!“ grüßt.
Ein weiterer, ganz starker Moment des Films findet sich, als jener Bob Dylan seinen grandiosen Song „Like a Rolling Stone“ vorträgt und dazu sämtliche Einzelschicksale montiert werden: Brian kämpft im vietnamesischen Dschungel, Michael bricht erstmals mit Sarah, die Rassenunruhen führen zu Ausschreitungen und grenzenloser Gewalt, und Katie bringt ihren Sohn Michael Rainbow zur Welt. Eine Szene für Galerie und Tränendrüse natürlich, jedoch gleichzeitig die Essenz des Films.
Vieles hätte man besser machen können, doch bleibt The ’60s ein faszinierendes Dokument, das vielleicht meist nur an der Oberfläche kratzt und durch Stereotype verärgert, allerdings auch zahllose ergreifende Momente eines ereignisreichen Jahrzehnts vor Augen führt und dabei dank Dylan und seinen Zeitgenossen mit einem großartigen Soundtrack begeistert und jede der 166 investierten Minuten wert sein dürfte.